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Jugendgewalt verstehen: Was junge Menschen wirklich brauchen

vor 4 Tagen
5 Min. Lesezeit

Ein Jugendlicher schlägt zu. Ein Kind wird bedroht. Eine Schülerin wird über Wochen ausgegrenzt. Solche Situationen machen uns betroffen und lösen verständlicherweise Sorge, manchmal auch Empörung aus. Schnell fragen wir: „Was ist nur mit unserer Jugend los?“

Wie Zugehörigkeit, Ermutigung und klare Grenzen ein friedliches Miteinander fördern.


Ein Jugendlicher schlägt zu. Ein Kind wird bedroht. Eine Schülerin wird über Wochen ausgegrenzt. Solche Situationen machen uns betroffen und lösen verständlicherweise Sorge, manchmal auch Empörung aus. Schnell fragen wir: „Was ist nur mit unserer Jugend los?“


Aus meiner Erfahrung als Psychologe und Psychotherapeut halte ich eine weitere Frage für entscheidend: Was hat ein junger Mensch erlebt, dass Gewalt für ihn zu einer möglichen Antwort geworden ist?


Diese Frage nimmt niemandem die Verantwortung für sein Verhalten. Sie hilft uns aber, genauer hinzusehen und früher zu handeln. Denn Gewaltprävention beginnt lange vor dem Moment, in dem jemand zuschlägt.



Gewalt beginnt oft vor dem ersten Schlag


Ein Kind wird immer wieder ausgeschlossen. Ein Jugendlicher wird vor anderen lächerlich gemacht. Jemand fühlt sich wertlos oder steht unter ständigem Druck, seine Stärke beweisen zu müssen.


Durch soziale Medien können solche Erfahrungen weit über den Schulhof hinausreichen. Verletzende Nachrichten, Bilder und Kommentare begleiten junge Menschen bis nach Hause. Selbst das eigene Zimmer bietet dann keinen verlässlichen Abstand mehr.


Hinter aggressivem Verhalten können Angst, Unsicherheit, Wut, Erniedrigung oder Ohnmacht stehen. Auch das Gefühl, nirgends dazuzugehören, kann eine Rolle spielen. Nicht jedes verletzte Kind wird gewalttätig. Doch wenn wir nur die sichtbare Handlung betrachten, übersehen wir möglicherweise, wo Unterstützung früher hätte ansetzen können.


Dabei ist eine Unterscheidung besonders wichtig: Wut ist ein Gefühl. Gewalt ist eine Handlung.


Wütend zu sein ist erlaubt. Kinder und Jugendliche brauchen jedoch Unterstützung dabei, ihre Wut wahrzunehmen, zu verstehen und auszudrücken, ohne andere zu verletzen. Wer Gewalt ausübt, muss Verantwortung übernehmen und zugleich lernen können, künftig anders zu handeln.


Zugehörigkeit gibt Halt


Kinder brauchen mehr als Anerkennung für gute Leistungen. Sie müssen erleben, dass sie einen Platz haben und als Menschen zählen. Drei Erfahrungen sind dabei wesentlich:


Ich gehöre dazu. Ich werde ernst genommen. Ich kann etwas beitragen.


Dieses Gemeinschaftsgefühl hat in meiner psychologischen Arbeit einen besonderen Stellenwert. Es entsteht dort, wo ein junger Mensch angenommen wird und zugleich erfährt, dass auch sein eigener Beitrag wichtig ist. Dazu gehört, Rücksicht zu nehmen, Verantwortung zu übernehmen und anderen zu helfen.


Unsere Gesellschaft misst Leistung, Wettbewerb und Erfolg große Bedeutung bei. Wettbewerb kann motivieren. Schwierig wird es, wenn Kinder daraus schließen, ihr persönlicher Wert hänge davon ab, ob sie gewinnen, überlegen sind oder Bewunderung erhalten.


Deshalb sollten wir im Alltag auch andere Formen von Stärke sichtbar machen: die eigene Wut zu regulieren, eine Grenze ohne Beleidigung zu setzen, trotz unterschiedlicher Meinungen zuzuhören oder einem Schwächeren beizustehen.


Auch einen Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen verlangt Mut. Kinder brauchen die Erfahrung, dass eine Auseinandersetzung möglich ist, ohne den anderen zum Feind zu machen.


Was Kinder von uns Erwachsenen lernen


Kinder beobachten sehr genau, wie wir miteinander umgehen. Sie erleben, wie wir auf Kritik reagieren, über Andersdenkende sprechen und mit Enttäuschungen umgehen. Unser Verhalten gibt unseren Worten Glaubwürdigkeit.


Wenn wir Respekt verlangen, selbst aber andere abwerten oder lächerlich machen, vermitteln wir widersprüchliche Botschaften. Zur Gewaltprävention gehört deshalb auch die Bereitschaft, uns selbst zu hinterfragen:



Können wir zuhören, wenn jemand eine andere Meinung vertritt? Können wir Kritik äußern, ohne zu demütigen? Können wir uns bei einem Kind entschuldigen, wenn wir ungerecht waren?


Niemand ist dabei fehlerlos. Entscheidend ist, wie wir mit unseren Fehlern umgehen. Eine ehrliche Entschuldigung zeigt einem Kind, dass Verantwortung und Würde miteinander vereinbar sind. Sie macht erfahrbar, dass eine Beziehung auch nach einem Konflikt weiterbestehen und wieder Vertrauen wachsen kann.


Peace Factory: Frieden erleben


Eine Erfahrung, die mich besonders geprägt hat, war die Arbeit mit der Peace Factory. Gemeinsam mit Kolleginnen leitete ich dieses Projekt über mehrere Jahre. Hunderte von Jugendlichen, überwiegend zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, nahmen im Laufe dieser Zeit daran teil.



Wir wollten ihnen helfen, sich selbst besser zu verstehen: Was geschieht in mir, bevor ich aggressiv werde? Wie reagiere ich, wenn ich mich ausgeschlossen, verletzt oder enttäuscht fühle? Wie kann ich meine Wut ausdrücken, ohne jemandem wehzutun?


Diese Fragen begleiteten gemeinsame Aktivitäten und Gespräche sowie Erfahrungen mit Kunst, Natur, Bewegung und Meditation. Unser Anliegen war eine Atmosphäre, in der sich die Jugendlichen sicher, angenommen und respektiert fühlen konnten.



Dabei wurde für mich besonders deutlich: Junge Menschen müssen Frieden auch erleben können.


Sie brauchen die konkrete Erfahrung, dass jemand zuhört, Rücksicht nimmt und Unterstützung anbietet. Ich konnte beobachten, wie innerhalb weniger Tage unter sehr unterschiedlichen Jugendlichen gegenseitiges Vertrauen entstand. Sie lachten miteinander und begannen, ihre Sorgen, Ängste und Hoffnungen zu teilen.



Die Frage, wer der Stärkste sei, verlor an Bedeutung. Stattdessen rückte eine andere Frage in den Vordergrund: Was können wir gemeinsam erreichen?


Solche Erfahrungen lösen nicht alle Probleme. Sie können aber neue Möglichkeiten eröffnen, mit sich selbst und anderen umzugehen. Manchmal liegt darin der Anfang einer Veränderung.


Klare Grenzen und Ermutigung gehören zusammen


Auch in einer guten Gemeinschaft gibt es Streit. Kinder brauchen deshalb Begleitung im Umgang mit Meinungsverschiedenheiten, Enttäuschungen und verletzten Gefühlen.


Bei alltäglichen Auseinandersetzungen können Erwachsene helfen, ohne sofort jede Lösung vorzugeben. Oft öffnen einfache Fragen einen Raum zum Nachdenken:


Was ist passiert? Wie hast du dich gefühlt? Wie könnte der andere die Situation erlebt haben? Was kannst du jetzt tun, damit es besser wird?


Wo Drohungen, Erniedrigung oder Verletzungen auftreten, müssen Erwachsene eingreifen und schützen. Kinder mit solchen Erfahrungen allein zu lassen, überfordert sie. Gerade bei Mobbing braucht es einen verlässlichen Schutz der Betroffenen.


Empathie und klare Grenzen gehören zusammen. Wir können ein Verhalten entschieden zurückweisen und dabei die Würde des Kindes achten. Eine hilfreiche Botschaft lautet:



„Was du getan hast, war nicht in Ordnung. Dafür musst du Verantwortung übernehmen. Ich traue dir zu, dass du lernen kannst, künftig anders zu handeln.“


So verbinden wir Konsequenz mit Ermutigung. Der junge Mensch erfährt, dass sein Verhalten Folgen hat und dass wir ihm Veränderung zutrauen.


Schule als gelebte Gemeinschaft


Die Schule kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen. Sie ist jedoch einer der wichtigsten sozialen Orte im Leben junger Menschen. Dort erfahren Kinder täglich, wie Zusammenarbeit gelingt, wie Unterschiede ausgehalten werden und wie Menschen auf Fehler reagieren.


Zuhören, Rücksicht nehmen, eine Meinung respektvoll vertreten und Verantwortung übernehmen sind grundlegende Lebenskompetenzen. Sie lassen sich im Unterricht, bei Gruppenarbeiten, beim Sport und auf dem Schulhof fördern.



Dafür brauchen auch Lehrkräfte Unterstützung. Wachsende pädagogische und soziale Erwartungen müssen mit ausreichender Zeit, geeigneten Mitteln und professioneller Begleitung einhergehen. Eine Schule, die Gemeinschaftsgefühl stärken möchte, muss auch für ihre Mitarbeitenden ein Ort des Respekts und der gegenseitigen Unterstützung sein.


Ebenso wichtig ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule. Wenn Erwachsene im Gespräch bleiben und gemeinsam nach Lösungen suchen, erleben Kinder, dass Verantwortung geteilt wird.


Vom Reagieren zum Handeln


Gewaltprävention zeigt sich in vielen alltäglichen Handlungen: Wir hören aufmerksam zu, bevor wir urteilen. Wir helfen Kindern, Gefühle auszudrücken. Wir setzen Grenzen ohne Demütigung. Wir nehmen Hilfsbereitschaft, Empathie und Verantwortungsbewusstsein wahr und erkennen sie an.


Junge Menschen brauchen außerdem Orte, an denen sie gemeinsam etwas gestalten, Natur erleben, sich bewegen und zur Ruhe kommen können. Dort können Beziehungen wachsen, in denen sie sich mit ihren Fähigkeiten, Fragen und Unsicherheiten angenommen fühlen.



Drei einfache Botschaften bringen für mich vieles davon auf den Punkt:


Du gehörst dazu. Du bist wichtig. Die anderen sind ebenfalls wichtig.


Wir können junge Menschen nicht vor jeder Enttäuschung und jedem Konflikt bewahren. Wir können ihnen aber helfen, innere Stärke zu entwickeln und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.


Daraus ergibt sich eine gemeinsame Aufgabe für Familien, Schulen und Gesellschaft: Wie gestalten wir unseren Alltag so, dass jeder junge Mensch Zugehörigkeit und Respekt erfährt und zugleich lernt, selbst zu einem friedlichen Zusammenleben beizutragen?


Der Weg vom Reagieren zum Handeln beginnt dort, wo wir diese Frage in unseren Beziehungen ernst nehmen.



Fari Khabirpour

Psychologe und Psychotherapeut


Dieser Beitrag beruht auf meinem Vortrag vom 27. Oktober 2026, den ich auf Einladung der Elternvereinigung des Lycée Aline Mayrisch in Luxemburg gehalten habe.

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